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Der Messinggriff der doppelflügeligen Eichentür fühlte sich an wie Eis auf Seraphinas Handfläche. Er war das Einzige, was auf dem Flur kalt war; der Rest des vierunddreißigsten Stockwerks von Vance Innovations war erstickend warm und summte von der unsichtbaren, hektischen Energie eines milliardenschweren Tech-Imperiums. Aber genau hier, vor dem Büro ihres Mannes, war die Luft still. Totenstill.
Sie sollte nicht hier sein. Es war Dienstag. Der Dienstag war normalerweise für ihre ehrenamtliche Arbeit in der Bibliothek oder das Ordnen der Archive reserviert – eine Beschäftigung, die Ethan ihr gestattete. Drei Jahre lang hatte Seraphina die Rolle der dekorativen, schweigsamen Ehefrau gespielt. Es war eine Rolle, die sie selbst gewählt hatte, eine notwendige Tarnung. Nach der Explosion in Mali vor fünf Jahren, die ihren Körper und Geist beinahe zerbrochen hätte, hatte sie einen Ort gebraucht, um unterzutauchen. Ethan Vance war mit seinem banalen Ehrgeiz und seinem sicheren Leben dieses Versteck gewesen. Aber jetzt war sie geheilt. Der Phönix erwachte.
Aber sie hatte ihr Ladekabel vergessen. Ein trivialer, dummer Grund, eine Ehe zu beenden.
Ihre Hand umklammerte das Metall fester. Sie wollte gerade die Klinke herunterdrücken, als sie es hörte.
Ein Lachen.
Es war nicht Ethans Lachen. Seines war ein einstudiertes, scharfes Bellen, das er in Konferenzräumen benutzte, um Dominanz zu signalisieren. Dieses Geräusch war tief, kehlig und weiblich. Es war ein Geräusch, das durch das schwere Holz vibrierte und sich direkt in Seraphinas Magengrube festsetzte, wo es den Kaffee, den sie zum Frühstück getrunken hatte, in Säure verwandelte.
Sie kannte dieses Lachen. Susanna Thorne. Ihre „beste Freundin“. Die Frau, die ihr vor drei Jahren geholfen hatte, ihr Hochzeitskleid auszusuchen. Die Frau, die aktuell der Chief Marketing Officer dieser Firma war.
Seraphina klopfte nicht. Sie kündigte sich nicht an. Die Zeit für Höflichkeit war in dem Moment verflogen, als dieses Lachen ihre Ohren erreichte.
Sie drückte die Klinke herunter. Der Mechanismus klickte – ein scharfes, mechanisches Urteil – und die Tür schwang auf.
Die Szene im Inneren war nicht nur ein Verrat; sie war ein Klischee. Eine billige, geschmacklose Szene aus einem Film, den sie wegen seiner Vorhersehbarkeit abgeschaltet hätte.
Ethan war auf dem Ledersofa, die Krawatte gelockert, sein weißes Hemd am Kragen aufgeknöpft. Susanna saß rittlings auf ihm, den Rock hoch auf ihre Oberschenkel geschoben, den Kopf in den Nacken gelegt. Sie waren ein Gewirr aus Gliedmaßen und Ehrgeiz.
Das Geräusch der Tür, die gegen den Stopper schlug, klang wie ein Pistolenschuss.
Susanna kletterte von ihm herunter, nicht mit Scham, sondern mit Verärgerung. Sie strich ihren Rock glatt, ihre Finger strichen mit einer Lässigkeit über den Stoff, die Seraphinas Blick verschwimmen ließ. Ethan setzte sich auf. Er sah nicht schuldbewusst aus. Er sah nicht entsetzt aus.
Er sah irritiert aus. Als wäre sie eine Kellnerin, die ihm die falsche Bestellung gebracht hatte.
„Seraphina“, sagte Ethan. Er richtete seine Krawatte, seine Bewegungen waren ruckartig, aber präzise. „Klopft man nicht an?“
Diese Dreistigkeit war atemberaubend. Er suchte nicht nach einer Ausrede. Er tadelte sie für ihre Manieren.
Seraphina stand in der Tür. Sie spürte ein seltsames Gefühl in ihrer Brust, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen und würde nur noch gegen ihre Rippen vibrieren. Sie sah Susanna an. Susannas Lippenstift war verschmiert – ein leuchtendes, grelles Rot, das genau dem Farbton entsprach, von dem sie Seraphina überzeugt hatte, er sei „zu gewagt“ für eine Ehefrau.
„Wir müssen reden“, sagte Seraphina. Ihre Stimme überraschte sie selbst. Sie zitterte nicht. Sie war flach. Tot.
Susanna grinste spöttisch. Es war eine Mikroexpression, in einer Sekunde da und wieder weg, aber Seraphina sah sie. Es war der Blick von jemandem, der ein Spiel gewonnen hatte, von dem der andere Spieler nicht einmal wusste, dass es begonnen hatte.
„Schätzchen“, sagte Susanna, ihre Stimme triefte vor falscher Sorge. „Das sieht übel aus, ich weiß. Aber Ethan und ich haben nur … die Strategie besprochen.“
„Strategie“, wiederholte Seraphina. Sie betrat das Zimmer. Der dicke Teppich verschluckte das Geräusch ihrer billigen Ballerinas. „Nennen wir das jetzt so?“
Ethan stand auf. Er ging hinter seinen massiven Mahagoni-Schreibtisch und brachte das Möbelstück wie einen Schild zwischen sie. Dort fühlte er sich sicherer. Mächtiger. „Sei nicht so dramatisch, Seraphina. Du bist hysterisch. Geh nach Hause. Wir reden später.“
Er machte eine abweisende Handbewegung. Als wäre sie ein Hund, den er vom Esstisch verscheuchen konnte.
Seraphina griff in ihre Stofftasche. Es war eine alte Leinentasche, eine, die sie schon besaß, bevor sie eine Vance wurde. Ethan hasste sie. Er sagte, sie ließe sie arm aussehen.
Sie zog einen dicken Manila-Umschlag heraus. Sie hatte ihn tagelang mit sich herumgetragen, hatte abgewogen und gezögert. Er enthielt den Rohentwurf eines Antrags, den sie in der Bibliothek ausgedruckt hatte.
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