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Nr. 1
Sie umklammerte Algernons Hand fester. Sie kehrte zurück in die Höhle des Löwen, zurück in die Stadt, in der ihr Leben zerstört worden war. Aber dieses Mal war sie nicht das naive zwanzigjährige Mädchen, das von ihrem Vater verkauft worden war.
Sie war eine Mutter. Und sie würde diese ganze Stadt bis auf die Grundmauern niederbrennen, wenn jemand versuchen sollte, ihre Kinder anzufassen.
Der Gedanke war ein Feuer in ihrer Brust, ein krasser Gegensatz zu der eisigen Furcht, die den Traum immer begleitete. Und der Traum begann immer mit Donner.
Der Donner knallte wie ein Peitschenhieb gegen das Glas und erschütterte das Fundament der Hotelsuite. Oder vielleicht war es nur in ihrem Kopf.
Annelise Parker konnte den Unterschied nicht mehr erkennen.
In dem Traum war die Dunkelheit absolut. Der Strom war vor Stunden ausgefallen und hatte die Präsidentensuite des JFK Hilton in dicke, erstickende schwarze Tinte getaucht. Sie tastete sich an der Wand entlang, ihre Finger strichen über die kalte Seide der Tapete, versuchten, die Tür zu finden, einen Ausweg zu finden.
Dann kam das Geräusch. Das schwere Krachen der Tür, die aufgebrochen wurde.
Ein kalter Luftzug fegte herein und trug den metallischen Beigeschmack von Regen und noch etwas anderem mit sich – etwas Scharfem und Kupferartigem. Blut.
Sie versuchte zu schreien, aber eine Hand presste sich auf ihren Mund, bevor der Laut ihre Kehle verlassen konnte. Die Handfläche war schwielig, brannte heiß auf ihrer Haut und roch nach teurem Leder und Regen.
Gewicht. Erdrückendes Gewicht.
Er drückte sie auf den weichen Teppich. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, nur den Umriss breiter Schultern, die das schwache graue Licht vom Fenster verdeckten. Er bewegte sich nicht wie ein Mann bei klarem Verstand. Er war schwerfällig, unkoordiniert und stöhnte leise in seiner Kehle wie ein verwundetes Tier.
„Hilfe", versuchte sie gegen seine Handfläche zu sagen, aber es kam nur als gedämpftes Wimmern heraus.
Schmerz explodierte.
Sie kämpfte. Gott, sie kämpfte. Ihre Fingernägel gruben sich in das Fleisch seiner Schulter, rissen nach unten, zerfetzten die Haut. Sie wollte ihn verletzen. Sie wollte ihn töten.
Dann flüsterte er etwas. Ein raues, abgehacktes Geräusch an ihrer Ohrmuschel. Es klang wie eine Bitte oder vielleicht ein Fluch.
Dann zerbarst die Welt in weiße, zackige Scherben des Schmerzes.
Annelise keuchte auf, ihr Körper zuckte heftig in dem engen Sitz. Ihre Augen flogen auf, aber für eine Sekunde war sie immer noch in diesem Hotelzimmer, ihr Herz hämmerte einen rasenden Rhythmus gegen ihre Rippen.
„Ma’am? Ist alles in Ordnung?"
Die sanfte Stimme der Flugbegleiterin drang durch den Nebel. Annelise blinzelte, die Kabine des Flugzeugs wurde scharf. Das Summen der Triebwerke ersetzte den Donner. Der Geruch von recycelter Luft ersetzte den Geruch von Regen und Blut.
Sie war in Sicherheit. Sie war in einem Flugzeug. Es war sechs Jahre später.
„Wasser", schaffte Annelise es zu krächzen. Ihre Kehle fühlte sich an, als hätte sie Glas geschluckt.
Die Flugbegleiterin nickte verständnisvoll und reichte ihr einen Plastikbecher mit Eiswasser. Annelise umklammerte ihn mit zitternden Händen, die kalte Kondensation erdete sie. Sie drückte den Becher gegen ihre Stirn und schloss für einen kurzen Moment die Augen, um das Phantombild der Empfindung dieser schweren, heißen Hand auf ihrem Mund zu verbannen.
Sie nahm einen Schluck, das Wasser gefror ihr Inneres und zwang die Übelkeit nach unten.
Neben ihr war die Sitzreihe von den einzigen guten Dingen besetzt, die aus dieser Höllennacht hervorgegangen waren.
Ihre Drillinge schliefen.
Algernon, der Älteste um vier Minuten, schlief mit einer Sorgenfalte zwischen seinen Augenbrauen. Selbst im Schlaf sah er aus, als würde er eine komplexe Gleichung lösen. Seine kleinen Finger waren fest um den Rand eines ramponierten Tablets gekrallt, das Annelise auf keinen Fall in das Gepäckfach legen durfte.
Blace lag ausgestreckt da, ein Bein über die Armlehne in den Gang getreten, sein Mund leicht geöffnet. Er strahlte Energie aus, selbst wenn er seine Batterien auflud. An seinem Knie war ein Pflaster von dem Versuch, vor zwei Tagen über einen Zaun zu klettern.
Und Clemie. Die süße, sensible Clemie war zu einem engen Knäuel am Fenster zusammengerollt, ihre Nase im Fell eines Teddybären vergraben, dem ein Auge fehlte.
Annelise streckte die Hand aus, ließ sie über Algernons dunklem Haar schweben, bevor sie es sanft zurückstrich. Ihre Brust schmerzte vor einer wilden, furchterregenden Liebe. Sie gehörten ihr. Nur ihr.
Die Stimme des Piloten knisterte über die Sprechanlage. „Meine Damen und Herren, wir beginnen unseren letzten Sinkflug zum John F. Kennedy International Airport. Bitte bringen Sie Ihre Sitze wieder in eine aufrechte Position."
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