Ohne Blick zurück: Die Rache der sterbenden Erbin

Ohne Blick zurück: Die Rache der sterbenden Erbin

Saskia Falk

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Kapitel

An meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag saß ich völlig allein im Sprechzimmer der Klinik. Meine leiblichen Eltern und mein Ehemann feierten währenddessen eine luxuriöse Yachtparty für Kelli, meine Adoptivschwester, die ihre Depressionen nur vortäuschte. Der Arzt schob mir mit ernster Miene den Biopsiebericht über den kalten Metalltisch. Fortgeschrittener Magenkrebs. Mir blieben genau noch neunzig Tage zu leben. Als ich mit meinem Todesurteil in der Hand zum Familienanwesen zurückkehrte, fragte niemand, warum ich so totenblass war. Mein Ehemann Anders brüllte mich stattdessen an, weil ich Kellies Party geschwänzt hätte. Meine Mutter schlug mir hart ins Gesicht, bis mein Mundwinkel blutete. Und als Kelli sich theatralisch die Treppe hinunterwarf, um mich reinzulegen, blickte mein Vater mich voller Ekel an. "Du wirst dich sofort auf die Knie begeben und dich entschuldigen, oder du siehst keinen Cent mehr von deinem Treuhandfonds!" Sechs Jahre lang hatte ich mich für diese Menschen verbogen, jeden Missbrauch ertragen, nur um ein bisschen familiäre Liebe zu spüren. Doch mit dem Wissen, dass ich bald sterben würde, wirkte dieses ganze Heuchel-Theater plötzlich nur noch lächerlich. Ich wischte mir das Blut vom Kinn, sah sie an und fing leise an zu lachen. Statt zu weinen, zog ich einen gelben Umschlag aus meiner Tasche und warf Anders die unterschriebenen Scheidungspapiere hart gegen die Brust. "Ich verzichte auf jeden Cent und löse hiermit alle Bande zu dieser Familie." Ich drehte mich um und ging in den eisigen Wintersturm hinaus, bereit, meine letzten Tage endlich für mich selbst zu leben.

Ohne Blick zurück: Die Rache der sterbenden Erbin Kapitel 1

Dr. Evans schob den Biopsiebericht über die kalte Metalloberfläche des Schreibtisches. Sein Gesicht war ernst, die Linien um seinen Mund waren straff gezogen.

Das Dokument glitt auf Aretha zu und hielt nur wenige Zentimeter vor ihren Händen an. Ein roter, streng vertraulicher Stempel starrte sie aus der oberen rechten Ecke an.

Arethas Blick fiel auf den unteren Rand der Seite. Die Worte verschwammen für eine Sekunde, bevor sie sich in einen brutalen, unbestreitbaren Fokus auflösten.

Fortgeschrittener Magenkrebs. Begleitet von seltenem Organversagen.

„Die Krebszellen breiten sich mit einer unnatürlichen Geschwindigkeit aus", sagte Dr. Evans, seine Stimme sank zu einem leisen, klinischen Murmeln. „Und gleichzeitig findet ein bizarrer, totaler Zusammenbruch Ihres Immunsystems statt."

Ein heftiger Krampf erfasste Arethas Magen. Es war kein dumpfer Schmerz. Es war ein physisches Verdrehen ihrer Organe, das sie zwang, die ledernen Armlehnen ihres Stuhls so fest zu umklammern, bis ihre Knöchel ein krasses, knochenweiß annahmen.

„Wir müssen Sie sofort aufnehmen", fuhr Dr. Evans fort und beugte sich vor. „Eine aggressive zielgerichtete Therapie ist unsere einzige Möglichkeit, zu versuchen, Ihr Leben zu verlängern."

Aretha schüttelte langsam den Kopf. Ihr Gesicht war völlig farblos. Ein bitteres, hohles Lächeln umspielte ihre Lippen.

Sie wusste genug über Biologie, um zu verstehen, dass bei diesem Grad des systemischen Versagens die aktuellen medizinischen Behandlungen ihr nur noch wenige Monate qualvoller, bettlägeriger Tortur bieten würden.

Ihre Finger zitterten, als sie den Bericht aufhob. Es war das Stück Papier, das ihr diktierte, dass ihr nur noch neunzig Tage zum Atmen blieben.

Sie faltete es. Einmal. Zweimal. Ihre Bewegungen waren langsam, völlig mechanisch, als sie es tief in das versteckte Fach ihrer Hermes-Handtasche steckte.

Aretha stand auf und stieß die schwere Eichentür des Sprechzimmers auf.

Der beißende, frühe Winterwind Manhattans drang durch die Flurfenster, glitt ihren Kragen hinunter und ließ den Schweiß auf ihrem Nacken gefrieren.

Sie stand allein vor den Aufzugsgruppen. Die polierten Metalltüren spiegelten ihr Gesicht wider – blass, eingefallen, wie ein Geist, der noch nicht ganz realisiert hatte, dass er tot war.

Ein massives, erstickendes Gefühl der Absurdität überkam sie.

Plötzlich vibrierte ihre Handtasche. Ein schriller, scharfer Klingelton zerriss die Totenstille des Klinikflurs.

Aretha zog ihr Telefon heraus. Der Bildschirm leuchtete mit dem Namen ihres Mannes auf: Anders Bartlett.

Sie atmete tief ein, kämpfte gegen das Zittern in ihrer Lunge und wischte, um anzunehmen.

„Wo zum Teufel steckst du?", bellte Anders' Stimme aus dem Lautsprecher. Kalt. Ungeduldig.

Es gab keine Frage nach ihrem Arzttermin. Keine Sorge um die Untersuchung, von der sie ihm gesagt hatte, dass sie sie heute hatte.

„Hast du überhaupt eine Ahnung, wie lächerlich du diese Familie heute aussehen lassen hast?", verlangte Anders, sein Ton triefte vor Ekel. „Kellies Yacht-Geburtstagsparty schwänzen? Wirklich, Aretha?"

Durch den Hörer hörte Aretha den lauten, wummernden Bass der Yachtparty im Hintergrund. Sie hörte das Klirren von Champagnergläsern.

Und dann hörte sie Kellies sanfte, falsche Stimme im Hintergrund jammern. Anders, schrei sie nicht an, es ist meine Schuld.

Der verdrehende Schmerz in Arethas Magen verdoppelte sich, sodass sie sich leicht krümmte.

„Melde dich sofort bei deinen sozialen Medien an", befahl Anders. „Veröffentliche eine öffentliche Entschuldigung an Kelli. Lass sie aufrichtig klingen."

Aretha sagte kein Wort.

In den letzten drei Jahren hätte sie sich sofort entschuldigt. Sie hätte ihre Stimme gesenkt, um sein Verständnis gebeten und genau das getan, was er verlangte, nur um den Frieden zu wahren.

Stattdessen breitete sich eine tote, fünfsekündige Stille zwischen ihnen aus.

„Aretha." Anders' Stimme stieg eine Oktave an, zutiefst beleidigt von ihrer mangelnden Reaktion. „Stell meine Geduld heute nicht auf die Probe."

Aretha blickte in ihre offene Tasche. Der Rand ihres Berichts über die tödliche Diagnose war kaum sichtbar.

Ein leises, hauchendes Lachen entwich ihren Lippen.

Das Geräusch ließ Anders am anderen Ende der Leitung erstarren. Die Stille wurde schnell von einer aufwallenden, arroganten Wut abgelöst. „Lachst du?"

„Anders", sagte Aretha. Ihre Stimme war eine absolute Null. Eiskalt und ihren eigenen Ohren völlig fremd. „Erinnerst du dich überhaupt daran, dass heute mein sechsundzwanzigster Geburtstag ist?"

Die Leitung wurde mucksmäuschenstill. Ein kurzes, schweres Stocken in Anders' Atmung verriet ihn.

Er hatte es völlig vergessen.

Um seine plötzliche Schuld zu vertuschen, flammte seine Wut noch heißer auf. „Du bist unglaublich kleinlich", schnappte er. „Bist du ernsthaft eifersüchtig auf eine Schwester, die an schwerer Depression leidet?"

Depression.

In dem Moment, als sie dieses Wort hörte, verschwand der letzte Funken Wärme in Arethas Augen. Dieses Wort war jahrelang die Fessel um ihren Hals gewesen und hatte sie gezwungen, jedem Wunsch von Kelli nachzugeben.

Sie sagte kein weiteres Wort.

Aretha zog das Telefon von ihrem Ohr weg und drückte den roten Knopf, wodurch Anders' endlose Belehrungen unterbrochen wurden.

Sie schaltete das Telefon komplett aus.

Der Aufzug kam mit einem leisen Klingeln an. Sie stieg ein und drückte den Knopf für das Erdgeschoss, direkt zur Metropolitan Bank.

Zwanzig Minuten später, im hochsicheren, privaten VIP-Tresor der Bank, legte Aretha den gefalteten Biopsiebericht in das Schließfach der höchsten Kategorie.

Die schwere Metalltür des Schließfachs klickte zu und verschloss ihr Todesurteil.

Mit diesem einzigen Klick starb die schüchterne, gefällige Frau, die sie die letzten sechs Jahre gewesen war.

Aretha zog einen tiefroten Lippenstift aus ihrer Tasche. Sie stellte sich vor den Spiegel des Tresors und trug ihn sorgfältig auf, um die kränkliche Blässe ihrer Lippen zu kaschieren.

Sie setzte ihre dunkle Sonnenbrille auf, ging aus den Drehtüren der Bank und winkte ein gelbes Taxi heran.

„Hines Estate, Long Island", sagte sie dem Fahrer, ihre Stimme fest und hart.

Sie würde zurückkehren, um alles zu regeln.

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Ohne Blick zurück: Die Rache der sterbenden Erbin Ohne Blick zurück: Die Rache der sterbenden Erbin Saskia Falk Romantik
“An meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag saß ich völlig allein im Sprechzimmer der Klinik. Meine leiblichen Eltern und mein Ehemann feierten währenddessen eine luxuriöse Yachtparty für Kelli, meine Adoptivschwester, die ihre Depressionen nur vortäuschte. Der Arzt schob mir mit ernster Miene den Biopsiebericht über den kalten Metalltisch. Fortgeschrittener Magenkrebs. Mir blieben genau noch neunzig Tage zu leben. Als ich mit meinem Todesurteil in der Hand zum Familienanwesen zurückkehrte, fragte niemand, warum ich so totenblass war. Mein Ehemann Anders brüllte mich stattdessen an, weil ich Kellies Party geschwänzt hätte. Meine Mutter schlug mir hart ins Gesicht, bis mein Mundwinkel blutete. Und als Kelli sich theatralisch die Treppe hinunterwarf, um mich reinzulegen, blickte mein Vater mich voller Ekel an. "Du wirst dich sofort auf die Knie begeben und dich entschuldigen, oder du siehst keinen Cent mehr von deinem Treuhandfonds!" Sechs Jahre lang hatte ich mich für diese Menschen verbogen, jeden Missbrauch ertragen, nur um ein bisschen familiäre Liebe zu spüren. Doch mit dem Wissen, dass ich bald sterben würde, wirkte dieses ganze Heuchel-Theater plötzlich nur noch lächerlich. Ich wischte mir das Blut vom Kinn, sah sie an und fing leise an zu lachen. Statt zu weinen, zog ich einen gelben Umschlag aus meiner Tasche und warf Anders die unterschriebenen Scheidungspapiere hart gegen die Brust. "Ich verzichte auf jeden Cent und löse hiermit alle Bande zu dieser Familie." Ich drehte mich um und ging in den eisigen Wintersturm hinaus, bereit, meine letzten Tage endlich für mich selbst zu leben.”
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