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Die gläsernen Schiebetüren von JFKs Terminal 4 surrten auf und entließen Eulalie Bradford in den schneidenden Oktoberwind. Sie fröstelte und zog ihren Trenchcoat enger, sodass die Knöchel ihrer Hand, die den silbernen Rimowa-Koffer umklammerte, weiß hervortraten. Er kam ihr schwerer vor als in ihrer Erinnerung, oder vielleicht war sie einfach nur schwächer geworden.
Sie blieb am Bordstein stehen, ihr Blick glitt über die Reihe der wartenden schwarzen Limousinen in der VIP-Abholzone. Sie suchte nach dem vertrauten Nummernschild, der schlanken Silhouette des Maybachs der Familie Holloway.
Nichts.
Nur eine Phalanx gleichgültiger Taxis und eine Abgaswolke, die nach verbranntem Gummi roch – und nach einer Einsamkeit, die so greifbar war wie dieser Gestank.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Der Bildschirm leuchtete auf, seine Helligkeit stach in ihre müden Augen. Vierzehnter Oktober.
Keine ungelesenen Nachrichten. Weder von Caden, noch vom Hausverwalter. Nicht einmal eine automatische Kalendererinnerung, jene, die sie früher mit ihrem Mann geteilt hatte.
Eulalie stieß einen kurzen, trockenen Lacher aus, der keiner war. Sie öffnete die Uber-App. Einen Moment lang schwebten ihre Finger über dem Display, bevor sie das Ziel eingab: Holloway Penthouse, Upper East Side.
Der Fahrer hieß Tariq, sein Armaturenbrett war mit Wackelkopf-Figuren übersät und er schien ein tiefes Bedürfnis zu haben, die Stille zu füllen. Er redete über das Wetter, den Verkehr, die steigenden Preise für Bagels. Eulalie starrte aus dem Fenster und sah zu, wie die graue Landschaft des Van Wyck Expressway an ihr vorbeizog. In ihren Ohren klingelte es, ein hohes, schrilles Pfeifen, das Tariqs Stimme übertönte.
„Großer Abend für die Stadt, was?“, fragte Tariq und deutete vage zum Radio.
Eulalie blinzelte und lauschte dem blechernen Klang aus den Lautsprechern. Die Stimme eines Society-Reporters drang durch das Rauschen.
„… und alle Augen sind heute Abend auf das Plaza Hotel gerichtet, wo Tech-Liebling Adalynn Pennington eine riesige Feier für ihre neueste Produkteinführung schmeißt. Gerüchten zufolge sei die Gästeliste dem obersten einen Prozent der Stadt vorbehalten …“
Eulalies Hand schoss zum Sicherheitsgurt und umklammerte das Nylonband, bis sich ihre Fingernägel in ihre Handfläche bohrten. Der Schmerz war scharf, erdend. Adalynn. Ihre Halbschwester. Die Frau, die erst die Aufmerksamkeit ihres Vaters und dann das Familienerbe an sich gerissen hatte. Und die nun, an Eulalies Geburtstag, auch die Zeit ihres Mannes beanspruchte.
„Ja“, flüsterte Eulalie, ihre Stimme rau. „Ein großer Abend.“
Der Wagen hielt vor der Kalksteinfassade des Gebäudes an der Fifth Avenue. Der Portier, ein junger Mann namens Leo, stutzte sichtlich, als er sie aus einem Toyota Camry statt aus dem Wagen der Familie steigen sah.
„Mrs. Holloway?“, eilte Leo herbei und griff nach ihrem Gepäck. „Wir … wir wussten nicht, dass Sie heute zurückerwartet werden.“
„Es soll eine Überraschung sein, Leo“, sagte sie und legte einen Finger an die Lippen. Die Lüge schmeckte wie Asche auf ihrer Zunge. Sie überraschte niemanden, nicht einmal sich selbst; sie wahrte nur den Schein.
Die Fahrt im Aufzug zum Penthouse fühlte sich an wie der Gang zum Schafott. Die Zahlen leuchteten auf – 20, 30, 40. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ein gehetzter, unregelmäßiger Rhythmus. In den polierten Messingtüren prüfte sie ihr Spiegelbild. Ihr Gesicht war blass, ungeschminkt, dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Sie sah aus wie ein Geist.
Geist: Der alte Spitzname aus ihren Coding-Tagen. Sie schob den Gedanken beiseite.
Die Aufzugtüren glitten lautlos auf.
Das Foyer war ein Minenfeld aus buntem Seidenpapier und gekräuselten Bändern. Ein Paar von Cadens italienischen Lederschuhen stand achtlos neben der Konsole, daneben ein winziges Paar glitzernder Turnschuhe.
Lachen drang aus dem Wohnzimmer. Es war Elaras Lachen, das ihrer fünfjährigen Tochter. Ein Geräusch, das Eulalie normalerweise mit Wärme erfüllte, sie heute aber frösteln ließ. Es war dieses hohe, atemlose Kichern, das Elara nur von sich gab, wenn sie genau das bekam, was sie wollte.
Eulalie ließ ihren Koffer an der Tür stehen und betrat leise den Perserteppich. Sie schlüpfte hinter den lackierten Ebenholz-Paravent, der das Foyer vom Wohnbereich trennte, und spähte durch die Lamellen.
Die Szene vor ihr war in das warme, goldene Licht des Kronleuchters getaucht.
Caden Holloway kniete. Der skrupellose Risikokapitalgeber, der Mann, der Vorstände in Angst und Schrecken versetzte, kniete auf dem Teppich und hielt ein riesiges Plüscheinhorn mit einer rosa Schleife um den Hals in die Höhe.
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